Abenteuer Algerien
Gertraud Filgis, FUN TOO
Von Gibraltar kommend, segelte Fun Too an Marokkos Mittelmeerküste entlang. Hier in Melilla, der spanischen E nklave, stellen wir Überlegungen an: Entweder nach Spanien hochzusegeln, um, wie schon vor 16 Jahren an mit Schlafsilos verunstalteten Strecken entlangzufahren, wo ab 14 Uhr die Yachthäfen übervoll sind, denn „jeder Seetag ist ein verlorener Hafentag“. Oder an der unbekannten algerischen Küste entlang nach Tunesien zu gelangen, was der logischere, weil kürzere Weg wäre. Von einem Segler, von den Balearen via Oran und 3 weiteren Häfen kommend, erfahren wir, dass zur Landesbesichtigung zwar ein Visum erforderlich, aber eine Befahrung der Küste auch ohne Visum mit Versorgungsmöglichkeiten gewährleistet ist. Also fällt die Entscheidung für Algerien.
Die Zeiten des 16. bis Anfang 19. Jh. sind hoffentlich vorbei, wo diese Seeräuberküste der Kaps mit den vielen weit hin sichtbaren Türmen mittels Rauchsignalen vorbeifahrende Fahrzeuge irreleiteten und man auf sie im Hinterhalt wartete. Die Korsaren der Berberküste trieben ihr Unwesen bis Tunis und weiter und kamen auf ihren Raubzügen sogar nach England. Das Freibeutertum entstand, weil die Mauren (Araber) 1492 aus Spanien zurück nach Nordafrika fliehen mussten. Erst, als 1830 die Franzosen Algerien besetzten, wurde für Ruhe gesorgt. Als Amtssprache wird zu 85 % arabisch gesprochen, teils vermischt mit div. Berberdialekten. Französisch ist Verkehrssprache und English wird hauptsächlich von der gebildeten Schicht verstanden. Die Bevölkerung besteht zu 99 % aus Sunniten.
An der imaginären Grenze zu Algerien düst Big Brother heran, auf Anfrage springt ein Mann gekonnt während des langsamen Segelns über und kontrolliert auf nette Weise Personenzahl und das Boot und heißt uns willkommen im 1. algerischen Fähr- und Fischerhafen Ghazaouet.
Das Einklarieren wird in Zukunft in allen Häfen die überwiegend mit hohen Zäunen umgeben, und bewacht sind, in etwa gleich sein: Coastguard, Emigration, Zoll. Da das Visum fehlt, werden nach Gutdünken des Beamten meistens die Pässe einbehalten und ein Passierschein (shorepass) zum Verlassen des Hafens ausgestellt. Oder, stattdessen, ein Polizist mitgegeben, damit wir einkaufen können. Denn von nun an übernimmt der Staat die Garantie für unsere Sicherheit, erklärt man uns. Anfangs ist das schon sehr gewöhnungsbedürftig, doch bald sehen wir die Vorteile ein, denn die Begleitperson kann etwas Englisch, ist ortskundig und Schlitzohren haben keine Chance. Dieser Ort ist ein armseliges Kaff, die Häuser in teilweise desolatem Zustand und gibt uns einen Vorgeschmack auf das, was uns erwartet. Trotz Tristesse und Armut fällt uns die Freundlichkeit der Menschen auf, irgendwie gottergeben: Allah gibt es, Allah nimmt es. Das ist die Devise in diesem islamisch geprägten Land. Beim Schönheitsschlaf stören ein- und auslaufende Spanienfähren und Frachtboote samt Pilots und ab 5 Uhr früh geben die Diesel der Fischer den Ton an.
Bei minimalem Wind motoren wir vorbei an unbewohnter Steilküste nach Beni Saf, wo auf einer Klippe um einen hohen Horst ein Seeadlerpaar kreist.
Im Hafen machen Marineboote für uns Platz. Je 3 Mann Coastguard, Polizei und Zoll suchen per Sprung mit schwarzen Stiefeln die kleine Fun Too heim. Boot und Teppich sind voller Schuhcreme und Schmutz. Als wir mitbekommen, dass dahinter nur Neugierde steckt, werden wir energisch. Von nun an kommt 1 Mann an Bord und will er in den Salon, soll er bitte die Schuhe ausziehen. Jeder, der an der 1300 km langen Küste was brüllt von algerischer Authority, dem erklären wir, dass wir kein Fischerboot sind, sondern unser Heim, wo wir leben und unsere Moschee, wo wir beten. Da wird der Protest schon viel weniger. Meistens einigen wir uns auf einen Kompromiss. Die Obrigkeit füllt die Papiere in der Plicht aus und wirft nur einen prüfenden Blick in den kleinen Salon rein. Das soll beileibe keine Beleidigung einer Person sein, wir wollen schlicht den Dreck der Häfen nicht in unseren Kojen haben.
Bei einer solchen Begebenheit notiert ein Beamter Motor = AB Yamaha. Dann will er den Deckel der Backskiste öffnen. Auf die Frage, wozu, meint er „control engineroom“. Es darf gelacht werden. Wobei es für die Beamten auch nicht lustig ist unsere Dokumente in ihre Schriftzeichen zu übertragen auf Formularen der Großschifffahrt.
Für die Bank ist es leider zu spät, so betrachten wir vom Boot aus den Ort, wo jeder Abhang eine Müllkippe ist. Morgens gilt der erste Blick dem Himmel. Dort bilden sich weiße Schlieren wie die Arme eines Tintenfisches sehen sie aus und verheißen nichts Gutes. Segel hoch, bis Oran sind es 54 sm. An der Bordwand hört man das Schmatzen des Wassers. Herb und karg ist die unbewohnte Küste. Dann werden die Berge lieblicher, niedriger, weicher ihre Konturen. Ohne Menschen kein Müll. Der Seegang nimmt immer mehr zu, das zeitlose Meer rollt heran, hebt Fun Too, schwebt vorbei zum weiten Ufer. Ab Mittag frischt der Wind auf, wie jeden Tag. An backbord taucht später ein Inselarchipel auf. Die Isles Habibas sind als Naturschutzgebiet ausgezeichnet. Fliegende Fische. Wenn mehrere Möwen kreisen, halten wir nach Delphinen Ausschau. „Da, da sind sie!!“ Im Einzugsgebiet der Großstadt stehen Gewächshäuser an Hängen, terrassenförmige Obstplantagen, Felder. Eine Millionenstadt kündigt sich an.
Kap Falkon mit Segelschiffen, Motorlärm, und Leuchtturm ist endlich umrundet, die Festung Orans ergibt ein Fotomotiv. Am Himmel startende und landende Flugzeuge. Motorboote vom Badestrand kommen uns anschauen, fotografieren, grüßen. Frachter liegen auf Reede. Entlang einer 2 sm langen Kaimauer fahren wir am 21.8. ein nach Oran. An den Verladekais liegen Frachter aus Norge, China, Izmir. Nach einer Biegung 4 Segelmasten. Unvermutet sind wir am Steg von Club Nautico gelandet.
Mit Winken und Hallo befinden wir uns plötzlich in der momentan einzig freien Box, wo nette Menschen Regie übernehmen, die Festmacher durch halblose Bretter ziehen, auf Stromsteckdosen zeigen: „gutt, gutt“, und dem Skipper einen Schlauch mit fließendem Süßwasser in die Hand drücken , um das salzige und verdreckte Boot abzuspritzen, noch bevor wir Luft holen können. Im Abstand vom spritzenden Wasser deuten Beamte an, dass sie da sind. Mit Bootspapieren und Pässen geht der Skipper zu ihnen, um einzuklarieren und mit leeren Händen kommt er zurück.“ Wenn wir abfahren, erhalten wir alles wieder“. Ein Tief von 7/8 Bft. soll uns aber einwehen. Wir staunen. Vor uns breitet sich weitläufig Oran in Wirklichkeit aus, ist nicht mehr nur beim Kreuzworträtsel eine algerische Stadt mit vier Buchstaben. Von Meereshöhe bis auf die Höhen eines Tafelberges zieht sich die Millionenstadt hin, mit Skyline wie Manhattan und Wohnsilos wie in München-Neuperlach. Jeder freie Platz am Hang ist Müllhalde. Schrecklich. Ein sturmstarker Nordost ruckt und zerrt die ganze Nacht an Boot, Fendern und Nerven, denn der kleine Steg liegt recht ungeschützt dem starken Schwell ausgesetzt. Weiter im Innern des Hafens wird beim Taucherclub ein Boot umgehängt und bald liegt Fun Too wie in Abrahams Schoß, geschützt vom Clubhaus. Die Taucher schenken uns Fladenbrot und Weintrauben, machen mit uns ein Gruppenfoto, breiten einen Teppich aus und beten gen Osten im Knien, nachdem sie sich gewaschen hatten. Unsere Religion macht es uns allen schon verflixt einfach! Später ist man behilflich beim Benzinholen, der Liter Super kostet 23 Cent, denn Algerien besitzt Ölquellen. Mit dem Passierschein vertröstet man uns immer wieder. Da wir schon seit der Grenze vor vier Tagen ohne Landeswährung und ohne frische Lebensmittel sind, fährt uns ein Privatmann überraschend mit seinem Ausweis durch die Hafenkontrolle, zur Bank und zum Einkaufen. Genau so problemlos gelangen wir ins Hafengebiet wieder zurück. Unser Helfer steckt den Anschiss vom Zerberus mit Gerede, Charme und Klugheit weg.
Ein junger Beamter mit objektivem Denken bringt anderntags das Permit, wir dürfen in die Stadt, ein Begleitpolizist führt uns durch den Markt, alles mit Privatauto. Am Nachmittag gehen wir selbst auf Erkundung in die Oberstadt. Von der langen Uferpromenade schweift der Blick weit zu neu gebauten Vierteln, Moscheen, unten läuft die spanische Fähre aus Alicante ein. Es gibt ein Familiencafé, wo auch Frauen und Kinder reindürfen. Am Hauptplatz stehen Bauten aus der Kolonialzeit, oft sind aber nur die Fassaden erhalten. Überall ist der frz. Einfluss unverkennbar. Über steile Treppen gelangen wir in die ursprüngliche Altstadt. Überall furchtbarer Verfall, Gestank, Müll, die Fenster teilweise zugenagelt. Dazwischen spielende Kinder. Es sind unvorstellbare Zustände.
Es ist Freitag und wir haben ein Problem, denn dem hageren Magengeschwürgesicht, Rang Polizei, geht es nur ums Prestige, um seinen Ruf, denn er verkündet bestimmt „heute kein Permit, Geschäfte zu.“ Was soll’s, der Klügere gibt nach. „Morgen kommt der Schein um 10 Uhr.“ Aus Erfahrung klug geworden, richten wir uns auf später ein, denn „Als Allah die Zeit schuf, schuf er sie reichlich“. Es wird 14 Uhr, es wird 16 Uhr. Wir haben kein Brot mehr. Jetzt ist es genug. Wir wollen zum Polizeichef, werden hingefahren. Die Dolmetscherin übersetzt „Ich bin der Kapitän eines schwedischen Schiffes ohne Visum, genau wie die Kapitäne dort vom Industriekai. Während die alle mit Permit an Land dürfen, behaltet Ihr unsere Pässe ein und uns wie Gefangene und wir dürfen nicht mal mit Begleitung raus. Das gewechselte Geld kann nicht mal in Restaurants ausgegeben werden, wann denn? Zum Warten werden wir in ein „Büro“ geführt. Während bisher in solchen Räumen wenigstens ein kolonialer Blechschrank sein Dasein fristete, gibt es hier einen schäbigen Tisch mit Eisenfüßen, 2 Stühle mit zerfranstem purem Schaumgummi, 1 Telefon und 3 Plaststühle für „Gäste“. Die 7 Beamten stehen rum, haben nichts zu tun und zu sagen. Es ist nicht ohne Unterhaltungswert. Diese staatliche Institution befindet sich im Zustand der Auflösung oder des Nichtvorhandenseins.
Als bis 18 Uhr nichts passiert, gehen wir zum Boot zurück. Da kommt gleich der nächste Gefühlsdämpfer, denn es erscheint ein Polizist mit einem Schäferhund und will Fun Too durchsuchen, und das nach dem wir schon 4-mal geschlafen haben, denn es kachelt noch immer. Unser Puls hat sich umsonst beschleunigt, denn der Köter kommt auf den glatten Rumpf nicht rauf. So jetzt reichts, wir wollen das schwedische Konsulat in Algier oder das algerische Konsulat in Stockholm sprechen. Da kommt das Friedensangebot, wir erhalten Ausgang, jetzt, bald. Dieses sieht so aus: Ein Securitymann, schwarzes Hemd, weißer Anzug, Goldkette, dicker Ring, soll mit uns per Taxi eine Stadtrundfahrt und Restaurantbesuch machen. Das Taxi kostet 10.- Euro.
(Ein Baguette kostet 10 Cent) „Alles o.k.?“ Nichts ist o k, wir wollen ein Permit und kein Unterhaltungstaxi für andere. Der wütende Taxer springt fast aus den Sandalen, als er das mitbekommt, der weiße Anzug ist auch enttäuscht. Wir schließen die Salontüre müssen das Erlebte des Tages erst mal verarbeiten. Wir erwägen tatsächlich, zum spanischen Cartagena zu segeln, 19 kn NNE gegen an halten uns davon ab. Am nächsten Mittag ist das Permit da. Ein älterer netter Berber bietet uns sein Auto an, fährt zum Markt und später zum Aussichtsberg Santa Cruz, mit der spanischen Klosterkirche, fährt kreuz und quer durch Oran, erklärt die Reichen- und Armenviertel, wo auch Zigeuner leben. Erfahren, dass die desolate Altstadt total eingeebnet wird. Es soll ein ganz neuer Stadtkern entstehen und zwar werden diesen chinesische Gefängnisinsassen aufbauen. Ebenso soll die kleine Marina hier von Chinesen ausgebaut werden. Die riesige Umweltverschmutzung auf Schritt und Tritt erklärt er damit, dass Araber keine niedrigen Arbeiten ausführen dürfen-müssen-wollen. Man lebt vom Handel: eine Handkarre mit 7 Melonen, einer Tüte mit Tempotüchern, Zigaretten überwiegend stückweise verkauft, 40 Stück Erdnüsse im Tütchen, ein dünnes Eckchen Schmelzkäse. Man lebt buchstäblich von der Hand in den Mund. Das schlechteste Geschäft ist immer noch besser als die beste Arbeit. Und alle besitzen ein Handy.
Dann steigen wir in einer typisch orientalischen Straße aus, werden durch ein Tor geführt. In einem Atriumhof mit Oleanderstrauch und Zitronenbaum steht vor einem Tisch ein niedriges Sofa. Der Berber stellt vor: „Meine Frau, Tochter, Schwiegertochter.“ Wir wandern von einer Umarmung zum nächsten Wangengeküsse. Er hat 9 große Kinder, plus deren Anhang, plus Enkel. Ein Sohn ist Tierarzt, und dolmetscht auf Englisch ein paar Stunden lang. Ich helfe in der Küche Gemüse putzen, denn es soll bald Couscous geben, Hammelfleisch, Berberbrot, Obst. Unsere Schüchternheit fällt im natürlichen Gebaren dieser Großfamilie ab, Fotos werden gemacht, Adresse mitgenommen. Es ist schon länger finster, als wir bei Fun Too zurück sind. JETZT waren wir in Oran.
Nachts regnen sich die gelben Wolken vom Vortag ab. Jeder Tropfen enthält Saharasand. Umgebung und Boot sind braun bis zur Mastspitze hoch. Um diese Jahreszeit ist das angeblich ganz untypisch, auch hier schlägt das Wetter Kapriolen. Zu erwähnen ist, dass es nur ein Beamter ist, der nach überzogenen Vorschriften handelt, und auch allen anderen gegenüber seine Muskeln spielen lässt. Oben im Büro des Hafenmeisters wird uns jegliche mögliche Hilfe zu Teil, das Internet angeboten, mit dem wir via Google Earth die nicht in den Seekarten ausgewiesenen Häfen ausfindig machen.
Am 7. Tag verlassen wir Oran. Die Luft ist gereinigt, azur der Himmel, türkis das Meer. Mit Segel und Motor geht es vorbei an viel Schwemmland zwischen 2 Flüssen, dann hohe Dünen. Guter Nachmittagswind veranlasst uns, weiter zu machen als geplant und nach 64 sm legen wir in Petit Port beim Slip an. Einklarierung. Beamter: „Do you speek english?“ „Yes please“. „I not“ Also wieder ein Jaha- Erlebnis. Dann hält er den schwedischen Pass in Händen und fragt „Aleman?“ Wir weisen auf die Schrift im weinroten Pass und auf die blaue Flagge mit dem gelben Kreuz. Er seufzt. Dann entbindet ihn sein Kollege von weiteren Vermutungen und füllt die Papiere aus. Der Westwind steigert sich auf ideale 4-5 Bft, Fun Too macht 8-11 kn Fahrt. Eine Schule großer Schweinswale ist auf Gegenkurs. Die Besiedlung der Küste ist landschaftsbedingt. Gewächshäuser wechseln sich ab mit Steilküste. Abgeflachte Dünen bilden Tafelberge, alles ist braun, trist, eintönig. Wir treffen eine frz. Ketsch auf Gegenkurs, welch ein Ereignis! Nach 46 sm finden wir einen kleinen Betonkai in Ténès vor. Die Einklarierung geht wie geschmiert und geschmiert werden wollen 2 Beamte. Einer will 10 Euro, der andere Zigaretten. „Haben wir nicht“. Wir wollen einkaufen und jetzt lässt man uns schmoren. Nach einer Stunde sagt der Skipper, entweder einer von Euch kommt mit, oder wir gehen selbst. Die Wache am Tor spielt nervös mit dem Gewehr. Per Handy wird kurz mit dem Chef palavert und 5 Minuten später sitzen wir mit dem Securitymann im Bus, der zum Centre Ville fährt zum Markt. Na also!
Das Cap Ténès mit 550 m ist imposant und lange sichtbar, die Landschaft schön wie ein Scherenschnitt. In Cherchell dürfen wir die Pässe behalten und frei in den Ort gehen. Erwähnenswert ist der große Park mit römischen Säulen und Ausgrabungen, Thermenresten und Theater. Es handelt sich um das alte Cäsarea. Am Cap beginnt die „Côte Turquoise“. Zur Bestätigung schwimmen viele grüne und blaue Plasttüten entlang einer Strömung. Der Wind dreht, aber wir sollen noch bis Bou Arouen. Gerade als das Meer weiße hohe Wellen anrollt, gelangen wir in den Hafen, machen an einem Fischer fest. Rundum geht der Abfall über Bord. Handyalter, Wegwerfalter, Mittelalter. Mittels einer festgehaltenen Leiter kann auch ich die hohe Wand des Fischerbootes entern. Wieder gegenan motoren. Nach 16 sm sind wir am 7.9. in Sidi Frejd, der einzigen Marina Algeriens, füllen Papiere aus, geben die Pässe ab und können gehen und Bus fahren, wohin wir wollen, kein Hahn kräht nach uns. Von wegen Sicherheit. Eine frz. Yacht läuft zurück nach Ibiza.
Die Marina besteht aus großem Becken, jedes Boot liegt am Außenrand, Fischer- wie 4 einheimische Segelboote. einige betagte Motorboote, importiert aus USA. Am einzigen kurzen Steg befindet sich die Tankstelle. Super 22 Cent, Diesel die Hälfte. So lange dies unter frz. Verwaltung war, hat angeblich alles funktioniert. Vor 15 Jahren hat die Regie gewechselt. Um es mit Hildegard Knef zu sagen: „Von nun an ging’s bergab.“ Jetzt ist alles abgewirtschaftet, der Zustand erbärmlich. Es gibt selten Wasser, Strom sowieso nicht. Es existieren weder Dusche noch WC. Alle Ecken und Winkel riechen nach Pisse. Die Landseite besitzt ein Touristencenter, unter Arkaden befinden sich der Bazar, einige Restaurants, einige Boutiquen, ein gut sortierter Supermarkt, Eisdiele und Kinderkarussel. Ein Taucherclub vervollständigt das Angebot. Zum Centre Ville Staouli fährt alle 15 Min. ein Kleinbus, mit vielen Geschäften, Duschhaus und Busbahnhof. Von dort aus fahren wir zurück nach Tipaza, wo wir vorbeigesegelt sind. Dort dominiert die imposante Moschee, die 2 Minaretts und 3 Rundkuppeln besitzt. Ein langer Spaziergang führt uns durch das weitläufige Areal einer römischen Ruinenstadt, direkt am Meer gelegen, zu Amphitheater, Basilika, Kapitol, Forum. Die römische Mole aus zusammen geklebten Findlingen liegt zerfallen teils im Wasser. Der sehr kleine, 1 m flache Hafen wird gerade erweitert, Kran und Bagger sind im Einsatz. Bloß gut, dass wir vorgestern hier vorbei gesegelt sind. Phönizier haben hier mal eine Handelsniederlassung gegründet, die Römer kamen 50 n.Ch. Im 3.Jh. waren alle christianisiert, und die Stadt deswegen zerstört. In der Marina zurück, wimmelt es von „grüner“ Polizei, (sonst blau) Taschen der Einheimischen werden durchsucht, wir sind sorglos, arglos.
Ein uralter Direktbus bringt uns nach 1,5 Std. zur Landeshauptstadt, Algier, die Weiße. Auf Abstand betrachtet ist dieser Name mit leuchtend weißer Front zutreffend, doch wehe, man blickt genauer, nur Müll und Dreck. Zunächst setzen wir uns wg. Visums mit dem Konsulat in Verbindung, leider mit abschlägigem Bescheid, doch damit haben wir gelernt, zu leben. Sehr beeindruckend ist das Riesendenkmal des algerischen Unabhängigkeitskrieges. Am 3.7.1962 wurde der Vertrag unter Mitwirkung von Ben Bella und General De Gaulle zustande gebracht.
Es eroberten Phönizier, Römer, Byzantiner und ab 650 Jh. die Araber den Ort. Ab 1830 gehört er zu Frankreich. Prächtige Kolonialbauten zeugen davon. Die historische Altstadt genannt Kasbah, wurde einst von Berbern gegründet. Stufenförmig erstreckt sie sich einen steilen hohen Hang hinauf. Die Häuser stammen noch vorwiegend aus der türkischen Zeit. Berberkinder mit hellen Haaren und blauen Augen sind keine Seltenheit. Diese Kasbah gehört zum Kulturerbe der Unesco.
Eine breite Treppe führt hinauf zum Platz der Märtyrer. Beeindruckend ist das Denkmal, wo 2 Fäuste symbolisch dicke Ketten sprengen. Am Fischmarkt steht die Moschee a.d.11.Jh, vor der oft Rituale begangen werden. Weißbärtige Gestalten in Djellabas sehen aus wie aus dem Passionsspiel in Oberammergau bzw. umgekehrt. An einer Hauswand, ganz öffentlich, verrichtet eine Frau ihre große Notdurft. So entsteht Ausgleich zu fehlenden Hundehaufen, denn Hunde gibt es fast nicht. Dazu ist die Stadt heiß, die Luftfeuchtigkeit schlägt sich an den Unterarmen und unter den Armen nieder. Frauen tragen nicht nur Kopftuch, sondern auch noch ab den Augen helle Dreieckstücher, die Gesicht und Hals verhüllen, wie Cowboys beim Zugüberfall in John Wayne Filmen. Der reinste Gegensatz ist das Bankenviertel, man wähnt sich in Londons City. Dann wieder Paläste aus maurischer Zeit. Aus dem 16. Jh. die Zitadelle, Museen, Universität. Voller Eindrücke fahren wir abends schweigend zurück zur Marina Sidi Frejd.
Der Nordostwind 5-8 Bft. gegenan soll, genau wie der Mistral, im 3-Tage-Rhythmus blasen. Nach dem 6. Tag ist keine Änderung abzusehen. Unsere Freude hält sich in Grenzen. Seit wir Marokko verließen, gab es keinen offiziellen Wetterbericht mehr. Bisher haben wir aus Bequemlichkeit uns nach Wetteronline orientiert. Aber in Algerien gibt es keine Stationen. Wir sind auf Alboran oder Palos angewiesen. Je weiter wir nach Osten kommen, desto weniger trifft die Voraussage zu. Daher hat der Skipper eine Teleskop-Angelrute für 10.- Euro erstanden und hat sich mittels innen liegendem Draht eine Antenne gebastelt, um damit Wetter- und Windkarten via Laptop von Northwood 8040 oder DWD 7880 gut zu empfangen, wobei die Aussendungen von England verständlicher sind. Die Monatskarten weisen im August für dieses Gebiet 40 % Ostwind aus. Wir sind zwar nicht auf der Flucht, wollen hier in der Marina aber auch keine Wurzeln schlagen. Mit Trick 17 werden wir die drei kommenden windstilleren Nächte nutzen, weiter motoren und es als Transitstrecke abhaken. Um 03 Uhr Abfahrt, 04 trawlern Fischer vorbei, 05 sehen wir hell und nahe die Venus, um 06 erscheint die Mondsichel, 06.30 ist der Horizont rundum erkennbar und ab 07 begrüß, aus dem Meer steigend, eine rötliche Sonnenscheibe unseren neuen Tag. Wenn das keine Abwechslung ist! Geographisch fahren wir parallel zur Sahara, wo sich ununterbrochen Hitzetiefs bilden und als Folge starke Ostwinde produzieren. Die Nächte mit 17 Grad sind kalt, verglichen mit am Tage um 40 Grad.
Und dann der gelbe Sandstaub, dem entrinnt keiner. In Zemmouri klariert uns ein junger Beamter ein, Ausgang zum Dorf kein Problem. Wieder ruhige Nachtfahrt. Am 9.9.07 laufen wir nach Umrundung des Cap Bengut morgens gegen 07 Uhr in Dellys ein, der halb Fischerhalb Militärhafen ist. Die Coastguard klariert uns ein, die Militärpolizei 30 Min später, rät uns dringend, sofort!!! weiter zu fahren, wegen eines Feuerwerks der besonderen Art. Helikopter kreisen, Lastautos und Container spucken gewehrtragende Soldaten en masse aus. Im schwarzen Mercedeskonvoi kommen hochdekorierte Militärs. Wir sehen die Stelle, wo vor ein paar Stunden Al Quaida aus den Kabyleibergen kommend, die Explosionen auslösten. Es gab Tote. Jetzt erfahren wir auch, dass vor 3 Tagen das Attentat auf den Präsidenten missglückte, aber über 50 Menschenleben kostete. Daher damals die „Grünen“ in der Marina!!
Wir fahren also sofort los, gegen bereits 16 kn Wind. Nach 3 sm sind wir bei 20 kn plus. Die Büge sind mehr aus dem als im Wasser und wir überlegen, was für uns schlechter ist. Ein Ritt mit 2,3 kn Geschwindigkeit gegenan, oder ein Hafengebiet, das heute garantiert der sicherste Platz der Küste ist. Wir drehen um, ein mittelgroßes Kriegsschiff, von Algier kommend, fährt auch zum Hafen. Dort bekommen wir ganz innen, neben den Polizeibooten und 8 Gewehrsoldaten einen ruhigen Platz zugewiesen und gehen, um dringend benötigten Schlaf nachzuholen, in die Kojen. Ich träume vom schnellen Teppichgeklopfe, werde hellwach von Schüssen und dem Echo in den Bergen Der Vorfall ist der Deutschen Welle abends sogar eine Erwähnung wert. Als wir uns später im Hafen die Füße vertreten, werden wir nach einem Fotoapparat durchsucht. Aber so schlau sind wir selbst und provozieren deshalb nichts. Offiziell darf weder am Koran noch an den Regierenden gerüttelt werden. So bleiben viele Reformen auf der Strecke. Das Volk hat gelernt, nicht alles zu sagen, was es denkt. Hinter vorgehaltener Hand wird uns einmal gesagt „halb Europa wird mit algerischem Gas und Erdöl versorgt, denn unser Land ist eigentlich reich, nur Wo b l e i b t d a s G e l d ? Das Leben wird immer teurer und schwerer. „Und zu kaufen gibt es Ware überwiegend aus China, was minderwertige Qualität bedeutet.
Der Norden Algeriens, des größten der drei Maghrebstaaten, konnte wegen des Bürgerkrieges seit 1992 nicht bereist werden. Ein Referendum bedeutete die Einsetzung eines obersten Staatsrates mit Präsident unter maßgeblicher Beteiligung des Militärs. Seitdem zunehmende islamitische Terroranschläge. Diese Anschläge gelten der herrschenden Oberschicht, die das Volk gängelt, also auch alle, mit denen wir es in Uniform zu tun haben. Es geht zu wie in einem Hühnerstall, den der Fuchs heimsuchte. Uniformierte und privat gekleidete Polizisten überschwemmen das Land, sind allgegenwärtig und wir fragen uns, wie viele Beamte verkraftet dieses System? Jeder glaubt, bildet sich ein, Macht zu haben, muss aber selbst wegen jeder Kleinigkeit rückfragen. So geht das eine ganze Hierarchie hoch, bis was passieren darf. Nach dem Referendum zur nationalen Aussöhnung im September 2005 sind Besucher jetzt aber wieder gern gesehen, aber Tourismus wird noch sehr klein geschrieben, Bootstourismus ist gleich null. Es ist noch dunkel, da fahren wir, weil uns dringend geraten, zum 25 sm entfernten Azeffoun, die Behörde will die Verantwortung für uns weiter schieben. Als wir dort einlaufen, denn das große Tief ist da, beginnt es damit, dass ein junger Möchtegern mit Pistole schreit, „no visa, no port“ Es ist oft müßig, sich aufzuregen, denn manche wissen nicht, was sie tun. Sein Chef kommt, heißt uns diplomatisch mit Handschlag willkommen. Er erklärt die aufgescheuchte Reaktion mit den Vorkommnissen da gleich hinter den Gipfeln.
Ob wir akzeptieren, dass 2 bewaffnete Soldaten Tag und Nacht zu unserem Schutz neben dem Boot stehen, denn wir seien ein Ziel der Terroristen, weil wir kein Visum haben, So. Welcher Terrorist weiß, ob wir einen Stempel im Pass haben? Ist es nicht anders herum? Das Ziel sind Polizisten und Militär! Mit Visum bekämen wir also keinen Schutz und wenn wir erschossen werden, haben wir halt Pech gehabt?
Der Polizeichef, sehr nett, sympathisch und zum Plausch immer aufgelegt, organisiert ein Privatauto. Wir holen zusammen, Benzin und Lebensmittel und das an 2 Tagen. Ein italienisches Unternehmen baut Fischzuchtanlagen und die 3 Tage vergehen schnell, während der Sturm hinter Cap und Kaimauer orgelt. Sogar die kleineren Fischer laufen nicht aus. Zwei Dreisternepolizisten kommen, um uns per Handschlag und Plausch zu verabschieden. Es hat sich herumgesprochen, dass Fun Too kommende Nacht abfahren will. Sie sind super gut drauf, weil vollgegessen, Vorschuss auf den morgen beginnenden Ramadan. Er dauert einen Monat und Muslime dürfen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nichts essen und trinken. Also hält man sich die Zeit dazwischen oft schadlos. Es ist schon eine Leistung, jetzt bei 40 Grad Hitze nichts zu trinken. Respekt.
Der Mensch lebt von der Hoffnung, hofft jedoch leider manchmal vergebens. Wir hätten noch 1 Tag warten sollen. Doch Meteo-Coastguard hat leichten Schiebewind versprochen. Daraus wird halber Wind und schließlich 19 kn gegenan. Das Gewitterleuchten kommt näher. Drei Gewitter jagen, streifen, überrollen Fun Too. Es wird eine schlimme Etappe. Das schwarze Meer mit den weißen Brechern wird im Rhythmus gestört durch die Kreuzseen der Gewitter mit unkalkulierbaren Winddrehungen im Finstern. Es knattert die Nationale, Segel schlagen wild, im Rigg pfeift es, das Vorschiff knallt in die gegenan rollenden Wassertäler, die Motorschraube quirlt Luft und die Gischt verklebt die Augen. Die Crew hofft bange auf Besserung. Die Bergkette der „Hohen Kabylei“ ist von Blitzen ständig erhellt. Ab 07 Uhr zeichnet sich die fahlweiße Sonne hinter den Wolken ab, Fallwinde vom 1317 m hohen Gipfel samt Taleinschnitt besorgen es uns wieder knüppeldick. Dann ist auch das hohe Cap Carbon umrundet. „Oh je, Carbon, Kohle, noch mehr Dreck“. Das Knarzen im Boot hört schlagartig auf, wir sind nach 13 salzigen Stunden hinter der Mole des aus 3 Industrieverladebecken bestehenden gr. Hafens Bejaia. Aufatmen, Einklarieren, Schlafen. Mit Passierschein suchen wir nachmittags das Duschhaus in der Unterstadt auf.
Das Internet hat Pleite gemacht. dafür quillt der Markt über. Auf Hammeltalg krabbeln Schmeißfliegen, die Schafsköpfe mit hängender Zunge stinken in der Hitze und die schwarzen Tupfen auf den Fischen sind nicht natürliche Zeichnung, sondern Fliegen. „Ich bin Vegetarier“ grinst der Skipper. Da zeige ich auf die Datteln und Weintrauben. „Du, da krabbelt und fliegt auch alles rum“. Grinsen: „Dann lebe ich heute von Bananen.“ Die Oberstadt schmiegt sich einen Hang hinauf. Die weißen Hausfassaden sehen aus wie eine Miniatur von Algier - schön.
Einige Stunden später Starkwind. Es regnet und prasselt auf das Deck. „Hagel?“. „Nein, Kohle vom Kai und der übliche Sand dazu.“ Am Morgen wird Fun Too kübelweise gereinigt. Mit uns am Kai liegt eine frz. Ketsch. Sie wurde gestern von der Coastguard reingeschleppt. Mit Motorschaden 20 sm vor dem Hafen rief sie via VHF um Hilfe. Zum Segeln war ihr der Wind zu stark. Dieses Boot ist das 3. europäische Segelschiff, welches wir auf der 1150 km langen Strecke treffen sollten, das ist in etwa die Entfernung München - Göteborg. Diese Franzosen kommen von Tunis und wollen der algerischen Küste entlang nach Maarocco fahren, auch ohne Visum, aber sie haben den Vorteil der Sprachverständigung. Sie erhalten von uns einige Tipps bis Gibraltar. Beiderseits „ bon voyage“.
Für herkömmliche Segler bedeutet diese Küste U-Land, in Fischerhäfen kann aber irgendwie festgemacht werden, evtl. muss der Fischer aber sehr früh raus und es muss rangiert werden, d.h., ehe man sich umsieht, ist man abgehängt!
Warum sollen wir nicht auch mal Glück haben? Die dunklen Wolken des Tiefs vor uns, nutzen wir den Rückseitenwind aus, fahren an zwei einprogrammierten Häfen vorbei und schaffen 72 sm schneller als erwartet. Der Skipper steht nackt in der Sonne, zeigt mit weitausholender Geste euphorisch auf Meer, Himmel, Segel und ist glücklich. „DAS IST LEBEN!!“ Drei Stunden später steht er barfuss mit Regenjacke stoisch im Regen eines kurzen Gewitters. Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.
Das Cap Bougagora erhebt sich mit 950 neben uns. Es ist das höchste, das wir je umrundet haben. So ein Kilometer senkrechte Wand ist beeindruckend mit dem üblichen Gekabbel und Fallwind. Es ist längst finster und wir sind gespannt auf Collo, denn die Karte von 2006 weist nur einen Anleger aus. Zu unserer Freude ist daraus inzwischen ein kleiner Fischerhafen geworden. Urplötzlich Starkwind, Fun Too treibt quer, Regen, Blitz, Donner sonst fast Finsternis, eine Lampe blendet, Ankerleinen kreuz und quer in letzter Sekunde gesehen, dazu aus dem Lautsprecher von der Moschee ein nervtötendes Geplärre. Stress pur. Orientierung. Nirgends Platz im Chaos. Langsames Motoren über eine Ankerleine, können an Fischer festmachen. Und da sind „sie“ auch schon da. Es gießt in Strömen. Von 21 Uhr bis 24 Uhr stehen 2 Mann draußen im Cockpit, ein Beamter ist innen im Salon. Sie telefonieren mit Gott und der Welt, fragen, ob wir explosives Material an Bord hätten. Der Skipper erklärt ihnen, dass ihre Listen für Cargoschiffe gemacht sind, egal, sie wollen Antworten. Nach Mitternacht fallen wir in die Kojen. Nachts hat der Skipper Sorge, dass eine Festmacherklampe ausreißt. Sturm, Schwell, heftiges Rucken, Fenderknarzen. Er setzt noch eine Spring. Die Crew kriegt davon nichts mit, sie schläft den Schlaf der Gerechten.
Die „Angelrute“ sagt für heute „umlaufend 1 „ voraus. Die Fock als Alibi, motoren wir an der schönen Berglandschaft der Kleinen Kanzlei entlang. Nachmittags klappern wir die Badeleiter runter und baden bei 27 Grad Wassertemperatur im marineblauen Meer. Das tut gut und niemand ist da, es zu verbieten! Nach der Plackerei der letzten Nächte und Tage haben wir uns einen Urlaubstag von der Natur wirklich verdient. Dem Felsmassiv Cap Fer (Eisen) liegen auf 10 sm Inseln vorgelagert samt Taleinschnitten, so richtige Schlupfwinkel für die Seeräuber der Berber. (Barbaren) Spiegelblankes Wasser am Cap. Na so was!!
Nach 42 sm sind wir im winzigen Fischerhafen Chetaini-Herbillon angelangt, wo nur 3 mittelgroße Fischerboote Platz haben. Eines davon legt gerade ab. Glück gehabt. Die ganze Dorfjugend bestaunt einen Katamaran. Die Einklarierung verläuft lustig, 8 Mann in 2 Jeeps wollen zum Essen. Wir dürfen ungehindert an Land, nur, da ist alles zu. Sonnenuntergang, Ramadan, Essenszeit. Wir legen ein Jazzband ein zum Ausklang eines guten Tages.
Seit wir den Sandhaufen Sahara immer mehr zurücklassen, wird der Wind wieder moderater und die Nächte spürbar wärmer. Wer hätte gedacht, dass eine Wüste unser Segelleben einmal so beeinflussen würde. Nun ist auch hoch am Wind fahren tagsüber kein Problem mehr. Rückwirkend betrachtet, sähen wir ohne die vier „Sahara“-Nachtfahrten ganz schön alt aus, denn tagsüber wehte es konstant mit 20-35 kn gegenan und das Unangenehme dabei ist die kurze, hackige Welle. Aber alles ist relativ. Für eine größere Segelyacht ist das sicher kein Thema, für die kleine, 3,5 t leichte Iroquois schon und wir sind keine Masochisten. Großstadt Annaba, frz. Bonne, die Gute, sehr schön gelegen. Wir werden davon jedoch nichts zu sehen bekommen. Drei Stunden dauert die Einklarierung. Es ist pure, willkürliche Machtdemonstration, mit menschenverachtendem Wartenlassen neben zeitungslesendem, zuständigem Beamten. Von Toleranz keine Spur. Mit einem hungrigen Magen kann man weder einen Kompromiss schließen, noch auf sein Recht hinweisen. Der Typ Omar Sharif kann nur ein Wort: „Impossible“. Er verkündet es immer wieder, auf unsere Bitte uns in Begleitung an Land zu lassen. Doch zwischen Wunsch und Wirklichkeit liegen Welten, eben Dr. Schiwago. Sartre sagte: „Die Hölle, das sind die anderen“. Da fasse ich mir ein Herz, klopfe an der letzen Türe kurz an und stehe vor dem Chef, vor dem alle zittern. Ich habe nichts zu verlieren, zeige das Geld (ca. 40 Euro) in Dinar, das wir ausgeben müssen, bevor wir morgen über die Grenze nach Tunesien fahren. Er ruft seinen Untergebenen. Palaver mit lauter Stimme, denn Hackordnung muss sein. Mr. Impossible geht wütend mit dem Skipper zum fast geschlossenen Markt. Mich will er nicht dabei haben. Logisch. Ich habe es überlebt. Letztes Dorf, La Kale ist ein Fischernest kurz vor der Grenze und dementsprechend verwahrlost. Auch hier müssen sich alle Fischerboote beim Aus- und Einlaufen immer registrieren lassen. Jugendliche klauen in einem unbewachten Augenblick, obwohl ich an Bord bin, von Fun Too ein geerbtes Andenken. Shit happens.
Über das glatte Wasser schweben fächerförmig fliegende Fische, ein Fischschwarm kräuselt das Wasser, eine große Schule Flipper taucht neben und unter Fun Too, orangefarbene Quallen pulsieren durch das tintenblaue Meer. Algerien hat auch schöne Seiten!! Kurze Zeit später befinden wir uns nach 30 Tagen Algerien im tunesischen Hoheitsgebiet, die DDR al Arabiata liegt hinter uns. A u f a t m e n.
Anfangs können wir es nicht fassen, dass wir am Sandstrand frei Ankern und schwimmen dürfen. Ängstlich sehen wir jedem fahrenden Boot entgegen. Außerdem ist es vorbei, stundenlang auf selbstherrliche Beamte warten zu müssen, die angekündigt werden, ohne zu erscheinen. Bei der letzten, der 16. Einklarierung hat dies sage und schreibe 7 (sieben) Stunden gedauert. Vorher darf das Boot nicht verlassen werden. Im Ramadan gehen die Uhren noch unzuverlässiger. Wir können uns des Gedankens nicht erwehren, dass dies mit Visum überhaupt nichts zu tun hat. Denn jeder Beamte huldigt dem Prinzip der Nichtzuständigkeit. Je niedriger der Rang, desto mehr wird gegängelt, unsinnige Befehle müssen umgehend befolgt werden, zur Bestätigung des eigenen kleinen Egos.
Ob ein Segeltörn entlang Algeriens mit Visum, oder ohne, oder überhaupt in Frage kommt, muss jeder für sich selbst entscheiden, da es im Vergleich zu Marokko keine nennenswerten Sehenswürdigkeiten gibt. Die Crew von Fun Too jedenfalls ist um eine Nerven strapazierende Erfahrung reicher.

