JOVIS zwischen Orient und Okzident
Zwischen Orient und Okzident
segelte Jürgen Peter mit LOVIS
Lovis ist planmäßig im Schwarzen Meer angekommen. Stolze 4600 km liegen im Kielwasser. Zum Probesegeln waren wir im Marmarameer verabredet. Für mich sind die ersten Schläge mit einem neuen Schiff besonders wichtig. Ist alles in Ordnung? Sind alle Erwartungen wirklich erfüllt? Ist der Eigner zufrieden? Was lässt sich verbessern?
In den Strassen ran das Wasser knöchelhoch. Alle Strassen enden unten am Meer. Istanbul ist auf Hügeln erbaut und liegt an vielen Ufern. Das Goldene Horn lag uns grau zu quatschnassen Füßen.
Die Taxifahrt zur Marina, auf der asiatischen Seite Istanbuls, war ein Höllentrip. Zwischen Vollgas und Vollbremsung wechselte der fröhliche Fahrer locker über zwei Spuren, überholte rechts und fotografierte zwischendurch mit seinem Handy. Letztendlich waren wir beeindruckt. Unzählige Fastunfälle, Geschwindigkeitsüberschreitungen, türkische Impressionen im Miniformat, mehrere Telefongespräche, jede Menge Zigaretten und dabei immer freudig und eine Hand am Steuer. Das war uns den doppelten Preis wert, ein Freundschafts-Spezialpreis nur für uns, ganz klar.
Beim Segeln auf dem Marmarameer schien die Sonne und es wehte mit 6-7 Windstärken. Bestes Segelwetter, optimal zum testen. Bitter kalt zwar, aber wen interessiert das schon. Besser, bei dieser bissigen Kälte zu segeln als im warmen Büromief zu arbeiten.
Eines unserer ersten Gespräche ging mir durch den Kopf: ,,Wir werden nur im Süden segeln, im Warmen, einen Salon brauchen wir nicht". ,,Lovis" ist ein Nachbau von Fun Cat Dubai, allerdings zugeschnitten für große Reisen. Ein komplettes Stell Segel, bis hin zur Sturmfock, Maststufen, Einbausaildrives, solides Ankerge schirr, WW-Dusche, Backofen. Komfort für 4 Personen in zwei Kabinen.
Bei den herrschenden Wetterverhältnissen konnten wir Alles bestens ausprobieren. Die gut 1,5 Meter hohen Wellen waren genau richtig für einen 11 Meter Kat. Nicht zu kurz, aber auch nicht langweilig. Mit einem Reff im Groß und der Arbeitsfock ging es raus aufs Marmarameer. Rund 55 Quadratmeter hatten wir stehen, niedrigen Druckpunkt im Rigg und gute Sicht unter der hochgeschnittenen Fock hindurch.
Traumhaftes Segeln offenbarte sich. Türkisfarbenes Wasser mit weißen Schaumkronen, strahlende Sonne, ein schneeweißes Deck, glitzern und glänzend vom überkommenden Wasser. Segeln pur. Hinter dem große Steuerrad stehen, das ganze Boot in voller Breite und die Segeln über sich zu sehen ist unvergleichliches Segeln.
Im Geiste verglich ich ,,Lovis" mit ,,SOL", einem FORMAT 10, den wir erst kürzlich auf zwischen den Kanaren gesegelt hatten. ,,SOL" ist etwas kürzer, wegen der angehängte Ruder, hat Steckschwerter, Außenborder und die zusätzliche Mittelkoje fehlt. Das ganze macht SOL etwas leichter. Allerdings werde ich mich nie an die Pinnensteuerung gewöhnen. Hinter einem Steuerrad zu stehen, mittig, das ganze Schiff vor sich zu haben ist einfach handlicher und übersichtlicher. SOL mag, durch das geringere Gewicht und das direkte Rudersystem, etwas flinker reagieren, groß dürfte der Unterschied aber nicht sein. Ein direkter Vergleich wäre spannend. Beide Kats zeigen, dass man auch mit wenig Aufwand sicher und komfortabel segeln kann.
Das Speedometer pendelt zwischen 10 und 15 Knoten, es macht einfach nur Spaß die Wellen auszusegeln, in die Täler zu rauschen und den nächsten Kamm zu verfolgen.
Auf den Prinzeninseln gibt es schöne alte Holzvillen. Griechische Klöster, armenische und italienische Kirchen und jüdische Synagogen zeugen von der Internationalität dieser Perlen vor der Tür Istanbuls. Man fährt mit Eselkarren oder Pferdekutschen, Autos gibt es nicht. Vom Sultansdiwan verbannte Prinzen gaben den Hügeln im Meer den Namen. Der letzte berühmte Exilant war der russische Revolutionär Leo Trotzki.
Unter Deck ist es gemütlich. Wir sitzen zu viert um den kleinen Tisch, die Heizung blubbert leise vor sich hin und der Raki schmeckt. Der Eigner erzählt von seine Plänen. Er will in Etappen immer weiter weg. Draußen fallen Schüsse. Fischer vertreiben sich mit Luftgewehren die Zeit.
Aussteigen auf Zeit ist aktuell. Till will mit seinem FORMAT 1020 ,,Enterprise" in den Süden, in Etappen. Für 2-3 Jahre aussteigen und um die Welt segeln ist z.Zt. unmöglich. Ein Haus muss noch gebaut werden, die Kinder sind noch in der Schule und seine Frau würde da sowieso nicht mitmachen, obwohl sie gerne segelt.
Wir diskutieren Weltreise Step by Step. Auch Charterangebote dieser Art gibt es viele, Eigner, die mit Ihren Schiffen um die Welt segeln und unterwegs zahlende Gäste mitnehmen. Bernhard, der Eigner von LOVIS könne sich das nicht vorstellen, möchte nur mit Freunden und Familie segeln. Till hat mit zahlenden Gästen kein Problem, verchartert seine Enterprise ohnehin manchmal, will es auch ,,unterwegs" tun. Auf der Rücktour ging es in den Bosporus ,,Kreuzen zwischen Europa und Asien" war erklärtes Ziel dieser Reise. Wir segeln zwischen Orient und Okzident. Teure Yachten dümpeln neben armseligen Fischerbooten, Paläste umgeben von Plattenbauten, europäische Pelzmäntel flanieren zwischen orientalischen Schleiern. Ergebene Hilfsbereitschaft wechselt mit vorsätzlichem Betrug, Gelassenheit in der allgegenwärtigen Hektik. Fast alle Religionen sind hier vertreten, kaum eine Nationalität fehlt, kaum ein Baustil ist nicht vorhanden.
Der Brennpunkt dieses Gewirrs ist die Galatabrücke. Zuerst aus Holz, dann aus Stein und zuletzt aus Stahl gebaut ist sie seit 160 Jahren der Lebensnerv der Stadt. Symbolisch ist sie die Verbindung zwischen alter und neuer Welt. Michelangelo und da Vinci reichten Entwürfe ein, als sie von den Plänen des Sultans für eine Querung des Goldenen Horns hörten. Wir segeln dicht daran vorbei, zwischen Fähren, Fischern, Anglern und Polizeibooten. Nach der letzten Wende können wir die Marina anliegen. Kein goldener Sonnenuntergang heute, grau ist es. Fast schwarz die Silhouette der Altstadt mit den Kuppeln der Moscheen und den spitz in den Himmel ragenden Minaretten.
Beim Einlaufen in den Hafen frage ich den Eigner ob er mit dem Kat zufrieden sei. Die Antwort haut mich zunächst fast um: ,,Ich kaufe so schnell keinen Kat mehr von FORMATsystem", schaut mich prüfend an und lacht dann aus vollem Halse: ,,Ich bin total glücklich mit Lovis". Wir trinken einen Raki drauf und freuen uns aufs Abendessen. Im Frühjahr soll's nach Griechenland gehen, im Sommer ist dann ,,Kaffee bei Gaddhafi" angesagt.

