Karibische Ankerfreuden
Jens Belau und Änne Nienaber
Entgegen den Vorhersagen aller Wettergu- rus hatten wir in diesem Jahr eine so ruhige Hurrikanzeit wie selten vorher welch ein Geschenk.
Aber die so genannte ,,wet season" bringt einem doch so manches Mal richtigen ,,Spaß", wenn nämlich tropische Wellen durchziehen mit viel Wind und Regen, echtes Schietwetter also. Tropische Wellen sind nicht zirkulie- rende Tiefdruckgebiete, die sich meistens in der afrikanischen Sahelzone bilden und von dort im Abstand von 3 4 Tagen über den Atlantik ziehen. Manchmal bringen sie Winde in Sturmstärke mit, die oft nur über eng begrenzte Gebiete hinwegpusten; man nennt sie Sturmzellen oder ,,micro bursts". Solch eine Sturmzelle erwischte uns auf unserem Ankerplatz bei Hog Island und verursachte ziemliches Chaos im Ankerfeld.
Nachts gegen 03.00 Uhr hatte der Wind satte 40 Knoten erreicht, in den Böen schaffte er 50 (so was passiert meistens zu unchristlichen Zeiten, sehr unersprießlich). Es war zappenduster und der Regen fegte waagerecht durch die Luft. Plötzlich tauchte etwa 10 Meter vor uns schemenhaft etwas Helles auf und kam mit jeder Bö ein wenig näher: ,,Horoscoop", ein belgisches Stahlschiff, das gute 100 Meter schräg vor uns geankert hatte, war offensichtlich auf Reisen gegangen. Wir starteten sofort unsere Maschine, konnten jedoch nicht ankerauf gehen. Der Wind hatte nämlich inzwischen auf Nordost gedreht, so dass die ,,Horoscoop" nun genau vor uns und damit unser Anker irgendwo unter ihr lag. Zudem schwoite sie hef- tig hin und her, über mehr als unsere gesamte Schiffsbreite hinweg. 40 Tonnen Stahl, die vor einem herumwedeln wie ein Lämmerschwanz, und dann nicht weg können das verursacht schon ein heftiges Unwohlsein. Von unseren Bügen aus konnten wir mittlerweile die ,,feindlichen" Davits berühren. Schnelles Handeln war angesagt, aber wie und was?
Unser Ankergeschirr sausen lassen und mit nur 20 PS in Sturm und stockfinsterer Nacht durch ein dicht belegtes Ankerfeld zu tuckern, erschien uns nicht sehr vielversprechend. Andererseits konnten wir den ständig in Bewegung befindlichen Stahleimer auch unmöglich abhalten, wenn er noch dichter kommen würde. Und von der ,,Horoscoop" war keine Hilfe zu erwarten. Die Eigner hatten das Schiff für die Hurrikanzeit vor Anker gelegt und hielten sich derzeit auf Martinique auf, um dort zu jobben. Also gingen wir in einem geeigneten Moment mit Maschinenhilfe voraus und machten an der Steuerbordseite der ,,Horoscoop" fest. An Steuerbord deshalb, weil sich sonst unsere Ankerge- schirre gekreuzt hätten. ,,Horoscoop" hätte uns dann, wenn sie weiter rutschte, mitgezogen. Jetzt waren wir erstmal aus dem direkten Gefahren- sprich Schwoibereich heraus. Leider war unser ,,Gegner" während unseres Längsseitsgehens bereits wieder zurück geschwoit und beschädigte dabei unseren Backbordbug und das Schanzkleid. Danach entstanden noch Holz- und Lackschäden durch Scheuern.
,,Horoscoop" schlidderte noch ein paar Meter, bis schließlich beide Boote an beiden Ankerge- schirren lagen. Ohne fremde Hilfe konnten wir nicht von unserem ungeliebten Nachbarn loskommen, der uns beim Ankermanöver durch sein ständiges Hin und Her ganz sicher noch mehr beschädigt hätte. Im Morgengrauen ließ der Wind auf 25 30 Knoten nach. Crews von anderen Booten schoben mit stark motorisierten Dingis die Boote auseinander und ermöglichten uns auf diese Weise ein Verholen. In dieser Nacht, so hörten wir später, hatte es ,,a lot of movement" im Ankerfeld gegeben, denn einige Anker hatten nicht gehalten. Es hat sich bestimmt so mancher, wir nicht ausgenommen, weit weg vom Wasser in ein mas- sives Steinhaus gewünscht. Dennoch waren wir, und das nicht zum ersten Mal in unserem langjährigen Wasservagabunden-Dasein, äußerst dankbar für unser starkes Ankergeschirr. Wir fahren als Hauptanker einen 35 kg schweren Bügelanker mit 40 Meter 10mm Kette und natürlich noch Ersatzkette und Leine zum Anstecken. Dazu haben wir noch einen 40 kg Danforth, einen 27 kg CQR und als ,,Kaffeeanker" einen 15 kg Danforth, der uns trotz seines geringen Gewichts schon so manchen guten Dienst geleistet hat.
Früher haben wir den CQR als Hauptanker gefahren, doch der hatte in Schlammgrund oft Probleme zu grabbeln; der Bügelanker dagegen greift sofort. Mit dem Bügelanker haben wir noch bei keinem Ankergrund Probleme gehabt - bis auf einmal, aber da hatte er sich mit der Spitze einen Pulpotopf (Tongefäß zum Fang von Tintenfischen) geangelt, was natürlich seine Haltekraft arg verminderte. Um beim Ankern nicht so viel zu schwoien, picken wir ein Hahnepot (von jedem Bug eine Leine) in die Kette ein. Dazu benutzen wir einen Kettenhaken, der wie ein Kranhaken aussieht. Früher hatten wir eine Kettenklaue, die man aber nur entfernen konnte, wenn man die Ankerkette entlastete.
Um sicher zu gehen, dass der Anker greift, ziehen wir ihn mit Maschine rückwärts rein, nachdem wir genügend Kette gesteckt und den Kettenhaken eingepickt haben. Wenn irgend möglich, prüfen wir noch schnorchelnd oder tauchend, ob der Haken sitzt. Der durch die ,,Horoscoop" verursachte Schaden hielt sich in Grenzen, es hätte wirklich schlimmer kommen können. Wir haben alles in Eigenarbeit wieder auf Schick gebracht und von ,,Horoscoops" Versicherung Material und Arbeitszeit bezahlt bekommen.

