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Neues aus der Karibik von IMAGINE

Albert Stöcker

Über Trinidad gehen die Meinungen extrem auseinander, doch bei allem Ärger mit Dreck, Gestank, Schwell und Lärm, neben hohen Preisen und pingeligen Zollbestimmungen bleibt die unumstrittene Tatsache, daß es hier in der Karibik der einzige Platz außerhalb der Hurrikanzone mit umfassenden Versorgungseinrichtungen ist.

Wir kamen hierher zurück, trotz des festen Vorsatzes „nie mehr“ nach unserem letzten Aufenthalt. Wir wollten nämlich doch noch ins Orinoco Delta, genauer in den Rio Manamo. Genaue Karten gibt es von der Gegend nicht, doch andere Segler haben Beschreibungen und Wegpunkte zur Verfügung gestellt, und die gibt es es eben nur hier in Chaguaramas. Ende Juni fuhren wir für drei Wochen in den Rio Manamo, ein unvergeßliches Erlebnis. Wir lagen die meiste Zeit vor einem Dorf der Warao Indios vor Anker, mit denen wir Streifzüge in den Urwald unternahmen und etwas von ihrem Leben mitbekamen. Sie leben in offenen palmwedelgedeckten Pfahlbauten über dem Fluß, schlafen in Hängematten, kochen über dem offenen Feuer und sind sehr freundlich und aufgeschlossen. Der Kontrast ist extrem. In Trinidad hunderte von Schiffen und Seglern. Nur 50 nm entfernt sahen wir die ganze Zeit kein anderes Schiff, wir waren in einer anderen Welt, in einer anderen Zeit. Das nächste Ziel war Ende Juli die Insel Margarita in Venezuela, die wir mit einem Abstecher zu den Testigos erreichen wollten. Wegen Piratengefahr im Bereich der venezolanischen Nordküste fuhren wir erst Richtung Norden, um nach ca. 40 nm Richtung Testigos abzubiegen. Wie üblich herrschte Nordostwind mit 15- 20 kn, in Böen auch bis 25 kn. Wir knüppelten wieder gegenan, 1. Reff im Groß und SW-Fock mit 6-8 kn Fahrt, die übliche Karibikgurkerei. Der Luvrumpf schlägt immer wieder in die kurze steile Welle, daß das ganze Schiff erzittert, dabei habe ich doch schon sehr schlanke Rümpfe v.a. im Vorschiffsbereich. Und dann passiert es. Ich sitze auf der Steuerbank, Jutta liegt im Salon, plötzlich ein berstendes Krachen und mit einem Schlag ist das kpl. Rigg verschwunden. Aus dem Augenwinkel sah ich noch, daß der Mast wohl in sich zusammengeknickt ist, jetzt hängt alles an der Backbordseite und bis auf die zerstörte Seereling scheint es keine größeren Schäden gegeben zu haben. Das registrieren wir aber erst später, erstmal sind wir total geschockt, worst case, was nie hätte passieren dürfen, jetzt ist es passiert. Tausend Gedanken schießen durch den Kopf, was tun, warum, aus und vorbei?!

Das Rigg ist kpl. untergetaucht, nur der Baum hängt noch an der Schot und schaut am Heckkorb halb aus dem Wasser. Da der Mast geknickt ist, befürchte ich daß er u.U. Schäden am Unterwasserschiff anrichten könnte. Bei dem Wellengang ist der Aufenthalt an Deck gefährlich, es ist naß und die Reling fehlt. Trotzdem machen wir einige Versuche, mittels diverser umherliegender Leinen über die Winsch was zu bewegen, doch es ist zwecklos. Die Dämmerung setzt ein und schnell wird die Nacht einbrechen. Schließlich entscheide ich, alles zu kappen, die Umstände lassen mir das Risiko für Schiff und Mannschaft als zu hoch erscheinen gegenüber einem evtl. Nutzen. Zum Glück kann ich die Bolzen der Wantenspanner lösen, wenn auch teilweise nur mithilfe eines Hammers. Die Schoten sind schnell gelöst. Wie zum Abschied schaut zum Schluss nochmal der Mastkopf aus dem Wasser und ich sehe, dass Wanten und Vorstag noch befestigt sind, also muss wohl etwas im Bereich der Diamondverstagung gebrochen sein.

Unter Motor geht es zurück nach Trinidad, wo wir gegen 22 Uhr eintreffen und vor Anker gehen. Die ersten Tage sind wir wie gelähmt, denn eines scheint fest zu stehen: das ist das Ende unserer Reise. Rund 30 000 Euro hatte das Rigg gekostet, auch etwas Gebrauchtes scheint uns angesichts meiner schmalen Rente jenseits aller Erwägungen. Doch dann setzt eine riesige Welle der Hilfsbereitschaft ein und innerhalb einer Woche wendet sich das Blatt von tiefer Niedergeschlagenheit zu neu erwachtem Tatendrang.

Seglerfreunde vor Ort und über E-mail aus Europa und der westlichen Karibik leisten uns tatkräftigen und moralischen Beistand und sind sich einig in Einem: never give up! Von wegen „aus der Traum“ schreibt Jochen von der Bluesong und Ralf meint: „Freut Euch doch, ihr seid gesund“. Die „Akkas“ schauen sich auf Grenada nach Masten um und Frank setzt von Gran Canaria aus einen Hilferuf ins Internet. Wir bekommen Tips, wo ich nach Masten und Zubehör suchen kann und eines steht fest: Trinidad ist weit und breit der beste Platz für solch ein Unglück. So sammle ich ausrangierte Wanten und bekomme vom ortsansässigen Aikane Katamarancenter 3 ältere Catanasegel geschenkt. Den Durchbruch gibt der Anruf eines Seglers, der mich auf einen wohl verfügbaren Mast aufmerksam macht.

Ein österreichischer Geschäftsmann hier in Trinidad hat sich eine ältere Privilege 49 gekauft und das Rigg gegen ein größeres ausgetauscht. Das komplette vorherige Rigg mit Segeln, Winschen und Rollfock verkauft er mir für 1.500 US$.

Drei Monate gab es reichlich Arbeit um alles vorzubereiten und Reparaturen und Änderungen vorzunehmen, doch jetzt steht der Mast wieder und den Rest schaffen wir auch noch.

P.S.: Ursache des Dilemmas war wahrscheinlich ein Bruch im Bereich der unteren Diamondverstagung. Die 12 mm Wanten und Vorstag hielten. Bei dem 18,5 m topgeriggten Mast war wohl der Stauchdruck zu groß. Mastprofil- und Drahtseilstärken hatte ich aus meinem Plan und auch aus den Unterlagen der Outremer 45 entnommen, auch die Dimensionierung der 8 mm Diamondverstagung.

stoecker-imagine@gmx.de

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