Oben ohne oder Raumwunder
Jürgen Peter
... das soll hier die Frage sein. Keine Frage
ist – da sind sich Insider einig – Open bridge
deck cats, offene Katamarane sind die dynamischsten
Segler. Sie vereinen schon durch
ihre Konzeption die wichtigsten Attribute für
Leistungsfähigkeit in sich: geringes Gewicht,
niedriger Schwerpunkt, wenig Windwiderstand.
Gerd Engel fasst sein Konzept in eine
kurze, prägnante Formel: zwei Rümpfe, drei
Beams. Wer „oben ohne“ segelt, kann erst ab
einer gewissen Größe mit multihulltypischem
Komfort rechnen. Die nachfolgenden Beispiele
aus unserer Mitgliederliste sprechen da
eine deutliche Sprache:
Dr. Ferdinand Pohls „NEVERLAND“ – 20 m,
Ruth und James Wharrams „PAHI 63“ – 19,20 m,
Gerd Engels „SPOSMOKER II“ – 18,40 m,
Wolfgang Koops „TABOO III“ – 18,40 m,
Ali und Jürg Andermatts „SPOSMOKER I“ – 16,70 m und
früherer „ANTONIO PIGAFETTA“ – 9,00 m,
Dr. Thomas Neubers „ANNA“ – 15,00 m,
Hans Spenraths „EXPRESSE“ – 14,00 m,
Dr. Martin Mais „NOVARA 44“ – 13,50 m.
Alle haben nachweislich große Reisen bewältigt, oft mit erstaunlichen Etmalen. Dabei ist „ANTONIO“ im wahrsten Sinne des Wortes eine kleine Ausnahme. Selbstredend ist diese Aufzählung nicht vollständig, auch fehlen Recordracer wie Sir Peter Blakes „ENZA“ und viele andere, die in der Form ihrer Funktion folgen und damit bestens dokumentieren, wie großartige Segelleistung zu erreichen ist.
Salonkatamarane sind immer reine Cruiser. Sie sollen zuallererst die Forderung nach Wohnraum und Komfort erfüllen. Bridgedeck saloon cats sind schwerer und höher als ihre freizügigen Schwestern. Größere Exemplare dieser Gattung können es sich leisten, auf allzu hohe Aufbauten zu verzichten. Hier verbessert sich das Verhältnis Schiffslänge zu Stehhöhe zugunsten der Optik und des Schwerpunktes. Unter 12 Meter Länge sind ansprechende Linien für einen engagierten Designer eine wahre Herausforderung. Gerade Charterschiffe schreien nach Raum und nehmen daher Adjektive wie aufgeblasen und hässlich gelassen hin. Ein Mix aus tollen Linien und durchgehender Stehhöhe ist unmöglich. Warum Werften es beim Innenraum, vornehmlich beim Salon, meist überdurchschnittlich gut meinen, ist schwer zu ergründen, dass die Cockpits dabei verhältnismäßig klein ausfallen, dagegen leicht.
Durchgängig bilden Prospekte aller einschlägigen Katamaran-Werften das Cockpit als Ort des gemeinsamen Zusammenseins ab, sei es beim abendlichen Dinner vor Anker oder dem Segeln auf See. Den großzügige Salon dagegen immer menschenleer. Ist das Zufall oder haben sich Fotografen und Werbedesigner von ihren Eindrücken an Bord leiten lassen? Beim Segeln im Cockpit sitzen und sich den Wind um die Nase wehen lassen, vor Anker eine leichte Brise spüren und die Augen am Horizont erholen, Stille genießen, Natur. Ist es nicht das, wofür wir segeln?
Die häufigste Antwort auf meine Frage an Charterer, wie oft sie sich im Salon aufhielten, lautet: „Gar nicht, wir haben immer im Cockpit gesessen“.
Die Entwicklung der Cockpits bringt zunehmend feste Biminis auf Salonkatamaranen hervor. Biminis sind nicht nur gegen Sonne gut, sondern auch gegen Regen. Ein festes Bimini macht ein Cockpit komfortabel. Ist der Salon dann nicht überflüssig?
Ich habe mir diese Frage schon vor 20 Jahren gestellt und sie mit „Ja“ beantwortet und schon damals ein festes Hardtop über das Cockpit gebaut. Halb offen habe ich es ge nannt, oder halb eingedeckt. Damals waren nicht wenige der Meinung, das sei „nichts Halbes und nichts Ganzes“. Im Laufe der Zeit haben sich auch einige unserer Mitglieder einen halb offenen FORMATkatamaran zugelegt, und wenn ich nichts falsch verstanden habe, sind sie mit dem Konzept nach wie vor zufrieden. Dieter Reinecke z.B. aus Rostock mit „KateKat“, einem Eigenbau FORMAT 1020, oder Dietmar Miebach mit dem gleichen Typ, der seit vielen Jahren Chartertörns in Nord und Ostsee mit seiner „Hakuna Matata“ segelt. Er kann das Cockpit mit einer Persenning schließen und erhält so den Komfort eines riesigen Salons. Bei Gerd Holthausens FORMAT 1080 haben wir um das Cockpit herum Tröge eingelassen, in die sich eine Persenning klappt und so mit einem Handgriff aus dem Cockpit einen Salon zaubert. Als ich ihn fragte, warum er sich für ein halboffenes Design entschieden hätte, erzählte er mir eine kleine Geschichte. Er habe den Bericht eines Ehepaares gelesen, das mehrere Jahre mit einem Salonkat unterwegs war. Am Steuerrad hinter dem Salonschott stehend sei es immer so gewesen, als fahre man mit einem LKW übers Wasser. Danach kauften sie sich einen offenen Shuttleworth Tectron.
Unser neuer Serienbau FORMAT 400 Cabrio hat keinen Salon, aber ein Hardtop. Ein solches Design Cabrio zu nennen, ist, genau genommen, nicht ganz richtig.
„Als Cabriolet oder Cabrio bezeichnet man ein Auto, dessen Dach durch Zurückklappen geöffnet werden kann. Der Begriff Cabrio ist eine Abkürzung für das französische Wort cabriolet (französisch cabrioler = Luftsprünge machen, Capriolen machen) .... Schon lange vor dem Zeitalter des Automobils war damit ein Cabriolet ein leichter offener .... Ausflugswagen für Schönwettertage ....“ (aus Wikipedia) Wir haben unserem neuen Serienkatamaran trotzdem den Namen Cabrio gegeben. Leicht und offen ist das Design allemal und für Schönwettertage bestens geeignet. Das Dach kann nicht geöffnet werden, aber das Cockpit ist derart groß, dass man zwischen bequemen Sonnen- und Schattenplätzen wählen kann. FORMAT 400 Cabrio ist unser aktuellstes Design, basierend auf den seit vielen Jahren bestens bewährten, halboffenen Modellen der Systembaureihe. Der neue Typ ist komplett für die Fertigung aus Negativformen ausgelegt. Damit haben wir den Schritt zur echten Serienproduktion geschafft. Im Bau befinden sich gerade Baunummer 1 und 2. Die Konzeption verbindet Salon und Cockpit und schafft damit eine außergewöhnliche Atmosphäre. FORMAT 400 Cabrio besitzt nahezu alle Attribute eines rassigen Open bridgedeck catamarans und schützt gleichzeitig seine Crew vor zu viel Sonne und Wind. Schlanke Rümpfe, überdurchschnittliche Breite und üppige Segelfläche, kombiniert mit leichter steifer Sandwichbauweise erheben Anspruch auf spannendes Segeln und ausgezeichnetes Seeverhalten.
Ob wir den Mix aus sportlichem Segeln und komfortablem Reisen mit diesem Typ geschafft haben, werden wir im kommenden Frühjahr sehen.
Es ist schwer, Segeln mit einem Cabrio zu beschreiben. In seinem Yachtartikel „Trendsetter im Verborgenen“ schreibt Erdmann Braschos über die faszinierenden, supermodernen italienischen Daycruiser von Luca Brenta und trifft damit ungewollt den Geist von FORMAT 400 Cabrio.
„... ein offenes Boot mit Spritzkappe ... und bequem gepolsterter Sitzlandschaft, in der sich herrlich faulenzen lässt. Wegen selten harmonierender Konstellation Lebensgefährtin und Boot ..., die ihr eine gepolsterte Open-Air-Lobby bieten – wo sie sich entspannen kann, ohne ständig am Cunningham zu zupfen oder die Vorschot einstellen zu müssen, derweil er am Steuerrad ...“. Genau so ist es.

