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Perspektiven französischer Speedmonster

Hansjörg Hennemann, April 2008

Mögliche Perspektiven französischer Speedmonster: Rekord oder Regatta?

Quasi als Ergänzung zu Nico Boons Beitrag „Die Evolution französischer Speedmonster“ im MH-Bo(o)ten vom April 2008 werfen diese Zeilen einen Blick auf mögliche Entwicklungen der großen Speed-Multis.

In wenigen Jahren hat die Anzahl der Rekorde, Rennen, Regatten und Events derart zugenommen, dass es schwer fällt, den Überblick zu behalten. Allein in den Wintermonaten 2007/08 regattierten 60 Multis und Monos in 4 Klassen im Rahmen der Transat Jacques Vabre über den Atlantik, fast zeitgleich hetzten einige zwei-Mensch-Crews im Barcelona World Race (60-Fuß-Monos) um die Welt, Mega-Tri Groupama 3 zielte auf die Trophée Jules Verne, kenterte und zerbröselte, IDEC (Joyon erfolgreich) und Sodeb’O (Coville erfolglos) wollten Ellen McArthurs single-handed-round-theworld- record einstellen und auf neuen Monotypen von 52 Fuß wird eine Probetour für das SolOcéane 2009 absolviert. Alles klar? Die Geldgeber werden wohl Schwerpunkte setzen (müssen), um die erhoffte Werbewirksamkeit Ihrer Investitionen einzufahren.

„Mini-Rekorde“ à la Round Isle of Wight oder Rekordpassagen wie jene zwischen Taipei und Hongkong (im Jahr 2005 von Ellen auf ihrem 23m-Tri ersegelt und schon 6 Monate später von einer biederen Sun Odyssey 47, die mehr oder weniger zufällig dort vorbei kam, wieder unterboten), werden an Bedeutung verlieren. Wahrscheinlich werden drei Events hervorstechen: a) round-the-world-races, b) Nord- Atlantik-Passagen und c) 24-Stunden-Rekord- Etmale. Lassen wir c) etwas beiseite, denn diese 24-Stunden-Rekord-Etmale fallen quasi nebenbei ab, dann geht es im Grunde nur um die Frage: Rekord (a) oder Regatta (b)? Seit 1993 gammeln die Reste von Tag Heuer, dem Riesen-Karbon-Monos von Titouan Lamazou, auf irgendeinem Kai in Italien herum.

Nur Bob Miller mischt am Rande noch mit seinen Monos Marie Cha mit. Ansonsten haben die französischen Tris den Kats zahlenmäßig den Rang abgelaufen. Das mag vor allem daran liegen, dass mit Tris auch Ein-Hand-Rekorde in schöner Regelmäßigkeit aufgestellt wurden, während die Mega-Kats ihren Ruf als Witwen- Macher nicht loswerden. Orange 2 ist wohl noch Jules-Verne-Trophy-Rekordhalter mit 51 Tagen, aber eben „nur“ mit einer Mannschaft an Bord (man beachte: Joyon war einhand auf seinem neuen Tri IDEC auch nur etwa 6 Tage langsamer (57 Tage)!). Von den 3 Ollier-Kats, Innovation Explorer, Club Med und Team Adventure, die erst vor wenigen Jahren gebaut wurden, segelt derzeit wohl nur noch Innovation Explorer unter den Farben von Gitana 13. Und auch der Dauer-Tri, erst Un Autre Regard, dann Charal, dann Lyonnaise des Eaux-Dumez, dann Sport-Elec und letztlich IDEC segelt nun nach einem Nickerchen von Francis Joyon zur falschen Zeit am falschen Ort im Multi-Himmel. Das im Wasser treibende Schwimmerteil von Team Philips und die Bilder vom Multi-Gemetzel während der Route du Rhum 2002 sind für jeden Sponsor der reine Horror. Seit 2002 ist die Flotte der Orma-60-Tris arg zerzaust. Manche sagen, die Flotte hat sich seitdem nicht wieder erholt und sie wird es auch nicht mehr. Beim Transat Jacques Vabre 11/07 waren gerade mal noch eine Handvoll 60-Fuß-Tris aus der ehemals stolzen Flotte am Start. Geld für TVträchtige Trümmerteile oder halbtote Rennen auszugeben ist mega-out. Wat also nu, Sponsor? Der alten Orma-60-Tri-Klasse wieder Leben einhauchen? Ja und nein. Ja, weil diese Klassenveranstaltung einen einigermaßen guten

Kompromiss zwischen den prestigeträchtigen Einhand-Nordatlantik-Regatten auf der einen Seite und der küstennahen Grand-Prix-Serie sowie einigen interessanten Sonderveranstaltungen wie der Route des Phares auf der anderen Seite ermöglicht; wobei die Grand- Prix-Serien die größte Medienpräsenz quasi über das ganze Jahr verteilt bietet. Nein, weil die Macher der Szene einen neuen, besseren Bootstyp fordern, aber eine Einigung sehr weit weg scheint. Derzeit laufen die Monos den Multis auf ihrem alten Erbhof den Rang ab: Bei der letzten Anfang November 2007 gestarteten Transat Jacques Vabre betrug das Verhältnis Multis zu Monos etwa 1:4. Allein die ziemlich neue Klasse der 40-Füßer brachte 30 high-tech-Monos an die Linie. Die 5 Orma- 60-Tris gingen angesichts der 17 gleich langen Imoca-Monos in dem ganzen Spektakel fast unter. Und jetzt haben die Jungs von Alinghi auch noch ihren Trainings-Tri Foncia aufs Dach gelegt – da waren`s nur noch vier.

Bleiben also die Rekordfahrten mit Maxi- Multis? Kurzfristig ja, denn im Moment fließt soviel Geld wie noch nie in Maxi-Multis, also Multis über 60 Fuß Länge und ohne Formelzwang. Der Bau von Banque Populaire V soll 10 Mio Euro gekostet haben. Nein, weil den Sponsoren das Risiko, mit einem so teuren round-the-world-Rekord-Versuch zu scheitern, bald zu groß werden dürfte. Um bisherige Rekorde zu unterbieten muss einfach alles perfekt passen: Wetter, Routing, Segler und Boot. Und wenn es dann nicht klappt, wie jüngst bei Thomas Coville auf seiner Sodeb’O (Umkehr wegen Bruch an der Crash-Box eines Schwimmers) oder Frank Cammas mit Crew auf Groupama 3 (Kenterung, also quasi Totalschaden wegen Schwimmerbruch) ist viel Geld, eine Menge Renommee und vor allem ein ganzes Jahr perdu.

Man munkelt, Cammas hatte Order umzukehren, wenn er am Äquator hinter Orange 2 liegt. Wer hat da denn noch im Folgejahr den Mut (und das Geld) für the same procedure as last year? Vielleicht erleben wir derzeit die Blüte der Rekordfahrten. Genießen wir sie, denn möglicherweise sind dies die guten alten Zeiten, die schon bald vorbei sein werden.

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