Strasse von Otranto
Nachts über die Straße von Otranto
Peter Meincke im offenen Trimaran C-24 unterwegs
Die Segelwochen in den Gewässern um Lefkas
sind vorüber. Es ist Ende August und vier
Trimarane liegen vor dem kleinen Hotel in
Nidhrion – 20 km südlich von Lefkas - vor
Anker. Ein neuer C-37 aus Carbon, ein C-28,
ein Sprint und ein C-24 – alles Corsair Konstruktionen.
Drei Wochen sind Enthusiasten und Interessierte
hier jeden Tag in wechselnden
Zusammensetzungen wochenweise auf den
verschiedenen Typen tagsüber gesegelt und
haben abends auf der Strandterrasse ihre
Erfahrungen ausgetauscht. Gestern wurde
Abschied gefeiert und die Gäste traten den
Heimflug an.
Wir haben eingekauft und uns für die Rückreise ausgerüstet; denn die Schiffe sollen nun die 450 sm die Adria hoch gesegelt werden, um in Bayern ins Winterlager zu kommen. Der Sprint und der C-24, beschließen ihre Crews, wollen zusammen zu segeln. Um 8 Uhr öffnet die Drehbrücke die Durchfahrt nördlich von Lefkas, deshalb starten wir Sonntag früh um 6 Uhr im Dunkeln und motoren Richtung Norden. Im freien Wasser nach dem Kanal bei Lefkas lässt uns – wie vorhergesagt – der Wind im Stich. Den langen Tag trödeln die beiden Boote in der Thermik unter der Küste in Steuerbord nordwärts. Ziel ist die Ankerbucht Parga auf dem Festland östlich der Südspitze von Korfu. Als wir sie endlich am späten Nachmittag erreichen, brist es kräftig auf und wir finden in der Nordwestecke vor der Steinmole einen unsicheren Ankerplatz mit Felsengrund. Den ganzen nächsten Tag wechseln wir immer wieder Segel und Motor bei herrlicher Sonne und kaum Wind. Und dann vor der Einfahrt nach Kerkyra spätnachmittags kachelt es von der Nordkante und es baut sich eine kurze ruppige See auf. Wir kreuzen die letzten Meilen auf und erreichen Gouvia – eine weitläufige geschützte Marina. Am Quai werden uns zwei Liegeplätze zugewiesen, nachdem wir getankt haben. Duschen und ein Restaurant stimmen uns versöhnlich. Und wieder motoren wir bis hinauf zur Durchfahrt zwischen Korfu und Albanien. Wir sind eigentlich ganz froh, dass es uns nicht ins Gesicht bläst. Es wird ein langer Vormittag ohne Wind – auf dem 24 steckt Gerd den Kurs Richtung Italien ab und wir wollen durch die Nacht segeln.
Mittags beschließt der Sprint, die Insel Ereikoussa anzulaufen, um von dort am nächsten Morgen den Sprung nach Otranto zu wagen. Der Wetterbericht hat Nord 5 bis 6 angekündigt – aber wir motoren in der Flaute.
Weit im Westen ahnen wir noch den Sprint, als es plötzlich aufbrist. Der Wind nimmt weiter zu und wir können unseren Kurs nicht mehr halten. Immer weiter müssen wir abfallen und jagen mit 10 bis 12 Knoten westwärts. Wasser kommt über, aber das Boot lässt sich wunderbar führen. Weit voraus im Dunst liegt Othonoi, die westliche Insel, von der es knapp 50 Meilen bis Otranto sind. Gerd – ein leidenschaftlicher, gestandener Skipper – schlüpft in die kleine Kajüte und studiert Karte und Handbuch. Dann zieht er Ölzeug an. Noch segeln wir einigermaßen trocken. Er schlägt vor, Othonoi anzulaufen. Dort gibt es auf der Südseite eine kleine Ankerbucht. Mittlerweile ist es grau und diesig geworden; wir laufen ab. Dann haben wir Ereikoussa backbord querab und hoffen, dass der Sprint dort sicher in der Ankerbucht liegt. Ich halte vor und steuere auf Othonoi zu. Das leichte Schiff tanzt mit beachtlicher Geschwindigkeit über die Wellen, aber es segelt erstaunlich trocken bei diesem Tempo. Voraus gischtet die Brandung um die Osthuk und auf dem Wasser erkennen wir die Fallböen, die in Lee einfallen. Ich falle ab und hoffe im Schutz der Insel auf glattes Wasser. Endlich erreichen wir die Abdeckung der Ostspitze – doch hier zerren die Fallböen erst richtig an den Segeln. Es gelingt uns kaum, die Fahrt zu vermindern. Hinzu kommen zahlreiche Untiefen, die uns auf Abstand halten.
Wie sollen wir unter diesen Bedingungen gegen die Fallwinde in dem unsicheren Fahrwasser die Ankerbucht anlaufen. Unseren Motor mit 4 PS können wir vergessen! Obwohl wir uns jetzt im Windschatten der Spitze der Insel befinden, sind Wind und Wellen fast noch stürmischer geworden. Offensichtlich verstärkt die Insel die Wirkung in Lee.
Wir sind ungefähr drei Kabellängen vom Ufer entfernt, als wir zwölf Masten erkennen. Dicht gedrängt liegen die Yachten in der kleinen Ankerbucht. Links und rechts liegen laut Karte davor etliche Untiefen. Wir sind fast 6 Meter breit und haben 1,40 m Tiefgang und der Wind kommt genau von vorn. Schlagartig wird uns klar, hier haben wir keine Chance! „ Zieh Dir Ölzeug an“ sagt Gerd und übernimmt die Pinne. Mittlerweile bin ich von oben bis unten nass – es ist warm und ich habe es bisher nicht registriert. Ich klettere in die Kajüte und zerre mein Ölzeug hervor, befreie mich vom nassen T-Shirt und der Turnhose und versuche, die Hosen anzuziehen. Übelkeit steigt in mir auf. Mit Mühe schlüpfe ich in die Arme der Jacke und stolpere zurück ins Cockpit. Mein Magen revoltiert. Seekrankheit bemächtigt sich meiner. Bloß nicht seekrank werden – ich kenne das – dann falle ich 24 Stunden aus! „ Lass mich pinnieren, sonst fall ich Dir aus“ - ich greife zur Pinne und konzentriere mich darauf das Boot durch die Wellen zu steuern. Wir sind aus dem Windschatten der Insel heraus. Uns beiden ist klar, wir haben keine Wahl, wir müssen durch die Nacht. Der Wind nimmt zu und Gerd beschließt, die Fock wegzunehmen und das Groß zu reffen. Routiniert turnt er nach vorn, ich fiere das Fockfall und dann bindet er die Fock bei. Das Groß wird bis zum zweiten Reff auf den Baum gerollt und festgesetzt.
Die Fahrt hat etwas nachgelassen und jetzt wirft immer wieder die See das Boot aus dem Kurs; aber es lässt sich steuern. Gerd steigt in die Kajüte und studiert die Karte. Er nimmt die Taschenlampe zu Hilfe; es ist dunkel geworden. Er erfragt den aktuellen Kurs und hantiert bei dieser Schaukelei mit Kursdreieck und Lineal. Ich kämpfe mit Übelkeit und großer Müdigkeit. Seit über 12 Stunden sind wir nun unterwegs.
Obwohl ich mich elend fühle, bin ich froh, Gerd als Skipper zu haben. Irgendwie gibt es mir Kraft, zu sehen, wie er das GPS-Gerät nutzt, unsere Position in die Karte einträgt und mir eine Flasche mit Wasser hoch reicht. Als er ins Cockpit kommt, bitte ich ihn, mich abzulösen. „ Ich muss mich hinlegen, sonst falle ich Dir ganz aus“. Gerd nickt nur und ich klettere ins Schiffsinnere und lege mich neben den Schwertkasten auf die Bank. Ich schließe die Augen und die Übelkeit mildert sich etwas. Immer wieder kracht der flache Bug in die Wellen und stoppt das Schiff fast auf..… Als ich aufwache, sehe ich Gerd schemenhaft durch das Luk an der Pinne. Ich rappele mich auf und klettere ins Cockpit. Es ist rabenschwarze Nacht. Der Bug kracht immer noch in die Wellen. Das Schiff macht kaum Fahrt.
„Da“, sagt Gerd und zeigt voraus. Ich sehe nichts. „Jetzt wieder“ Der weiße Rumpf voraus tanzt in der See auf und ab und davor die Wellen mit ihren Schaumkronen. Und dann am Horizont weit voraus ein heller Schein, den die Nacht schnell wieder verschluckt. „Das muss Leuca sein, er trägt 25 Meilen.“ Ich starre in die Dunkelheit und sehe nichts! Das Leuchtfeuer steht doch auf Cap S. Maria und das ist die Südspitze der Hacke des Stiefels. Wie sollen wir da je nach Otranto kommen? „Halt auf ihn zu, so gut Du kannst – ich leg mich eine Weile hin“. Gerd klettert in die Kajüte – und wieder nimmt er eine GPSPosition und trägt sie in die Karte ein. Das abgeschattete Licht der Taschenlampe blendet mich und ich sehe kein Feuer. Endlich taucht das Licht am Horizont wieder auf – ich nehme den Kompasskurs auf und ver-suche, so gut es geht zu steuern.
So geht es Stunde um Stunde – die Nachtluft stabilisiert mich, ich fühle mich nicht mehr so elend und müde.
Gerd und ich wechseln uns noch zweimal ab und er berichtet, dass er zuerst nach den Sternen Kurs gehalten hat, bis er das Leuchtfeuer auf der Südostspitze Italiens entdeckt hat. Mittlerweile sind rechts von Leuca vereinzelt Lichter am Horizont sichtbar geworden, auch können wir höher ran, sodass das Leuchtfeuer nach Backbord auswandert. Aber unsere Geschwindigkeit ist miserabel – nach GPS machen wir eine Meile gut pro Stunde. Nur mit doppelt gerefftem Groß und der See, können wir nicht mehr erwarten. Aber die Lichter am Horizont werden mehr, lassen sich unterscheiden, hier eine Ansammlung von Lichtern, da eine Lichterkette – vielleicht eine Mole?
Nicht einmal mit dem Glas ist etwas zu erkennen. Gerd, der Seefeste, bringt es fertig trotz aller Bolzerei den Kocher in Gang zu setzen und eine heiße Brühe zu zaubern. Das weckt die Lebensgeister und beruhigt meinen angeschlagenen Magen.
Endlose Stunden in Dunkelheit – dann versinken die Lichter hinter dem Horizont und wir halten uns wieder an die Sterne. Und dann werden es immer mehr Lichter in einem Halbkreis vor uns – man ahnt Siedlungen und bildet sich beleuchtete Molen ein – vermutet beleuchtete Hafeneinfahrten, die sich dann in der Nacht wieder auflösen. Nach zwölf langen Stunden kriecht die erste Dämmerung im Osten über den Horizont – wir nehmen die Fock und es dauert noch zwei lange Stunden, bis wir uns endlich der Küste so weit genähert haben, dass wir die kleine Marina di Adrano vor uns erkennen. Es ist 8 Uhr und wir sind seit 25 Stunden unterwegs. Der Wind weht immer noch kräftig entlang der Küste, aber der Seegang ist schwächer geworden.
Die wärmende Sonne, ein Heißgetränk und etwas zwischen die Zähne kräftigt uns. Wir schütteln die Reffs aus dem Groß und kreuzen dem immer noch 10 Seemeilen nördlich liegenden Kap Otranto entgegen. Mit langen Schlägen geht es vorwärts und so macht das Segeln mit diesem offenen kleinen Trimaran richtig Freude. Aber der Nord pustet noch immer so heftig um das Kap, dass wir gegen Mittag keine Chance haben mit unserem Leichtgewicht gegen an zu kommen.
Wir suchen einen ausgewiesenen Ankerplatz in einer tiefen, schmalen Bucht südwestlich des Kap auf und müssen nach mehreren Versuchen aufgeben, da der Anker auf dem Felsengrund nicht greifen will.
Gegen drei Uhr starten wir einen neuen Versuch, das Kap zu runden und es gelingt und diesmal und die letzten drei Meilen kreuzen wir auf in den weiten, offenen Hafen von Otranto. 34 Stunden waren wir unterwegs, 100 Meilen haben wir hinter uns, als wir an einer französischen Yacht längsseits gehen.
Kaum sind wir fest, da kommt der Sprint längsseits, der frühmorgens von der Insel Ereikoussa gestartet ist und wir feiern glückliches Wiedersehen. Am nächsten Tag kreuzen wir die 45 Meilen nach Brindisi auf in 11 Stunden und 86 Meilen. Wir rüsten unser Boot für die nachfolgende Crew und feiern Abschied im Marinarestaurant mit einer exzellenten Fischplatte.
Informationen über Mitsegelgelegenheiten sind unter www.corsairchallenge.dezu finden.

